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15. März 2021

Spitzenspiel in Jena

Die englischen Wochen gehen weiter und führen die MLP Academics Heidelberg am kommenden Mittwoch zum Tabellenführer aus Jena. Gelingt dort ein Sieg kommt es zum vorübergehenden Tausch der Plätze an der Tabellenspitze. Zwar wäre es bei dann noch sechs zu spielenden Partien vermessen, von einer Vorentscheidung zu sprechen, aber der Motivation dürfte diese Tatsache zumindest nicht schaden. Dass der mögliche Sprung an die Tabellenspitze auch ein Hemmschuh sein kann, hat man jedoch zuletzt im Heimspiel gegen die Artland Dragons beobachten können. Die richtige Antwort ließ jedoch nicht lange auf sich warten. 

17 Dreier „ballerten“ die Academics beim Gastspiel im beschaulichen Quakenbrück den Artländern um die Ohren. „Das war doch bestimmt Saison-Rekord“ mutmaßte manch einer. Könnte man meinen, allerdings war es der erste Auftritt der Saison des kommenden Gegners Science City Jena bei den Kirchheim Knights, als man beim nie gefährdeten 111:81 Sieg bei einer Quote von 60% insgesamt gar achtzehn erfolgreiche Dreier verzeichnen konnte. Da der Tabellenführer insgesamt sogar acht Mal zehn oder mehr Dreier in einer Partie erzielte, könnte man davon ausgehen, dass sie zu den absoluten Scharfschützen der Liga gehören.

Die Streaky Shooter der Liga

Dass dem nicht so ist (Jena hat die drittschwächste Dreierquote der Liga) liegt an der enormen Schwankungsbreite der Quoten im Saisonverlauf. So kommen die Thüringer in ihren fünf besten Spielen (im Bezug auf die Dreierquote) auf 13,6 Dreier bei über 50% Trefferquote und in den 5 schlechtesten Spielen auf 4,3 Dreier bei einer Quote von 19,4%. In der Abrechnung bedeutet das fast 30 Punkte weniger. Spieler, die solche Schwankungen in ihren Wurfquoten aufweisen, nennt man „streaky“.

Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Zamal Nixon trägt in dieser Saison leider das Trikot des Gegners (Foto: Thomas Disqué)

Ein solcher ist ein Spieler, den die Heidelberger letzte Saison noch in ihren Reihen hatten – Zamal Nixon. Läuft er heiß, dann ist der sympathische US-Amerikaner kaum zu stoppen und wirft auch mal 5/5 Dreier (gegen Schwenningen). In acht anderen Partien hingegen hat er derer keinen einzigen getroffen. Wer ihn jedoch kennt, weiß, dass er bis in die Fingerspitzen motiviert sein wird, gegen sein altes Team groß aufzutrumpfen und den ein oder anderen Wurf von außen einzunetzen.

Ein echtes Spitzenspiel

Ein Blick auf einige andere der wesentlichen Teamstatistiken lässt erahnen, dass es sich um ein wahres Spitzenspiel der Barmer 2. Basketballbundesliga handelt. Die zweitbeste gegen die viertbeste Offense, Zweiter gegen Dritter bei den Ballverlusten und natürlich Erster gegen Zweiter in der Tabelle. Schaut man sich die Gastgeber aus Thüringen etwas genauer an, fällt zudem auf, dass sie die besten Defensivrebounder der Liga sind aber nur im unteren Mittelfeld bei den Offensivrebounds.

Warum diese Zahlen? Weil sie die Handschrift des ehemaligen Bundestrainers Frank Menz tragen und den kontrollierten sowie disziplinierten Spielstil der Saalestädter unterstreichen. Es wird wenig „gezockt“ sondern solide gearbeitet. Der individuelle Rebound hat weniger Bedeutung als der Rebound des Teams und so wird fleißig unter dem Korb füreinander ausgeboxt, keine Selbstverständlichkeit im modernen Basketball, der eher von individueller Athletik als von Team-Rebounding geprägt ist.

Der Aufstieg ist fest eingeplant

Eine weitere Kategorie, in der die Gastgeber die Spitzenposition in der Liga einnehmen ist die Quote aus dem Zweipunktbereich von 58,6% (bei Siegen sogar über 60%). Hier liegt einer der wesentlichen Ansatzpunkte für die Verteidigung, möchte man bei einer Mannschaft bestehen, welche die letzten sieben Heimspiele allesamt gewonnen hat. Beim Blick auf den Kader erschließt sich einem, dass das kein Zufall ist. Der Aufstieg ist fest eingeplant, Frank Menz bezeichnete Jena jüngst als erstligareif und macht keinen Hehl aus den Ambitionen der Thüringer.

So gab man sich trotz der guten Ausgangslage in der Tabelle nicht zufrieden und verpflichtete bereits früh in der Saison mit Kasey Hill den letztjährigen Topscorer der Bremerhavener und von den Hamburg Towers aus der BBL Demarcus Holland nach. Holland verletzte sich schwer und Jena präsentierte nur kurz danach mit Marcus Tyus den nächsten Neuzugang. Kurz vor Ende der Transferperiode setzte man noch einen drauf, als man Norense Odiase von Brose Bamberg nachverpflichten konnte.

Pick your poison: geballte Erstligapower im Kader von Science City Jena

Keiner der genannten sticht aus einem sehr homogenen Team besonders heraus, was nicht gegen die Qualität der genannten Spieler, sondern für die geballte Offensivpower des gesamten Kaders spricht. Gleich sechs Spieler punkten zweistellig. Die deutsche Riege führen hierbei Robin Lodders (vor der Saison von Aufsteiger Chemnitz gekommen) und der erfahrene Julius Wolf, Sohn des ehemaligen Heidelberger Spieler Horst „Horschek“ Wolf an. Doch auch die drei erstligaerfahrenen Stephan Haukohl, Dennis Nawrocki und Joschka Ferner sind jederzeit in der Lage dem Spiel ihren Stempel aufzudrücken und wären in den meisten Mannschaften der ProA feste Starter. Dreh- und Angelpunkt ist dennoch Kasey Hill, der neben seinen 15,5 Punkten im Schnitt auch noch die meisten Vorlagen (6,3) gibt.

Wer den Vorbericht bis hierhin aufmerksam gelesen hat, kann erahnen, welches Kaliber die Heidelberger in Thüringen erwartet. Ein Sieg wäre eine positive Überraschung, die man im Endspurt um die Platzierungen gerne mitnehmen würde.