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30. April 2024

Aufstieg vor 30 Jahren – Zwei Protagonisten im Interview

Am 30.4.1994 fand in der Halle des Sportinstituts (ISSW) in Heidelberg das entscheidende dritte Spiel der Aufstiegsrunde zur 2. Basketball-Bundesliga Süd zwischen dem USC Heidelberg und dem Lokalrivalen KuSG Leimen statt. Zuvor hatte sich der USC mit lediglich einer Niederlage die Meisterschaft in der Regionalliga Südwest/Süd gesichert, die KuSG Leimen mit zwei Niederlagen den zweiten Tabellenplatz erreicht. In den Überkreuzspielen gegen die Vertreter der Gruppe Nord hatten sich der USC mit zwei knappen Siegen gegen Kirchheimbolanden, Leimen dagegen mit zwei hohen Siegen gegen Saarlouis durchgesetzt.

Nun ging es zwischen dem USC und der KuSG im Modus „Best of three“ um den Aufstieg, den beide Kontrahenten anstrebten. Dabei hatte der in der Abschlusstabelle der Regionalliga besser platzierte USC zunächst bei der KuSG anzutreten, genoss in einem evtl. notwendigen entscheidenden dritten Spiel dann jedoch das Heimrecht.

Im ersten Aufstiegsspiel hatte sich Leimen in einer bis zuletzt hart umkämpften Partie mit 79:77 knapp gegen den USC behauptet. Im zweiten Spiel hatten dagegen die Heidelberger vor heimischer Kulisse mit 82:72 gesiegt. In dieser entscheidenden Partie schlug der USC am 30.4.1994 bei tropischen Temperaturen die KuSG mit 70:61 und konnte vor 1.500 Zuschauern im überfüllten ISSW den Aufstieg in die 2. Bundesliga Süd feiern. Mit dem Aufstieg in die 2. Basketball-Bundesliga Gruppe Süd waren die Weichen für die weitere Entwicklung des USC-Basketballs gestellt, die schließlich zu den Academics, der Errichtung der Großsporthalle und 2021 zum Aufstieg in die Beletage des deutschen Basketball führen sollte.

Peter Wittig, Zeitzeuge, USC-Chronist (USC-Historie) und aktuell verantwortlich für die Webseite des USC, befragt zu diesen Ereignissen vor 30 Jahren zwei Persönlichkeiten, die seinerzeit an entscheidender Stelle Verantwortung trugen.

Thomas Riedel hatte nach dem Abstieg des USC aus der 2. Bundesliga 1988 die Basketball-Abteilungsleitung übernommen und fungierte später, so auch in der Aufstiegssaison 1993/1994, in Personalunion auch als Trainer des Regionalligisten. Mit Fug und Recht gilt er als der Retter des USC-Basketballs, denn ohne sein beharrliches Wirken hätte es keinen (Wieder-)Aufstieg in die 2. Liga und damit später auch keine Academics gegeben. Bis heute bringt Riedel sich als 1. Stellvertretender Vorsitzender maßgeblich in das Vereinsgeschehen des Universitätssportclubs ein. Der gebürtige Hamburger und Wahl-Dossenheimer, bekennende HSV-Fan, Jurist und Chef des Heidelberger Finanzamts ist überdies von Anfang an einer der Gesellschafter und Geschäftsführer der „MLP Academics Heidelberg“.

Fragen an Thomas Riedel

Thomas, ich gehe mit meiner Fragestellung zunächst in die Jahre vor dem Aufstieg 1994 zurück. 1988 stieg der USC aus der 2. Basketball-Bundesliga in die Regionalliga ab. Was hat dich seinerzeit bewogen, die Abteilungsleitung zu übernehmen?

Ich wollte dazu beitragen, dass Basketball beim USC weiter bestehen kann. Ich war dankbar dafür, was mir der Verein in den Jahren zuvor gegeben und ermöglicht hatte. Und als Burkhard Wildermuth (ehem. 1. Vorsitzender des USC/Red.), der mich viele Jahre persönlich gefördert hatte, fragte, ob ich die Abteilungsleitung übernehmen würde, habe ich das gerne gemacht. Zudem hatten wir viele Jahre sehr erfolgreiche Jugendarbeit geleistet. Darauf wollte ich aufbauen.

Du hast später die Doppelbelastung als Abteilungsleiter und Trainer auf dich genommen. Welche Gründe hattest Du dafür?

Mir war wichtig, meinen Beitrag zu leisten, um den Basketball beim USC weiter zu bringen.

In den beiden ersten Regionalliga-Jahren drohte dem USC sogar der Abstieg in die Oberliga. Danach entwickelte sich der USC mit hochkarätigen Spielern zu einer Spitzenmannschaft der Regionalliga. Wie war das möglich?

Wir hatten Sponsoren und konnten dadurch Spieler verpflichten, die das sportliche Niveau verbessert haben.

Welche Erinnerungen hast du an die Finalserie gegen Leimen, insbesondere an das entscheidende Spiel am 30.4.1994?

Ich war ich sehr aufgeregt und hatte große Angst, das Ziel des Aufstiegs nicht zu erreichen. Gleichzeitig hatte ich große Unterstützung von vielen Menschen, vor allem meiner Familie, und in sportlicher Hinsicht von meinem Co-Trainer Olaf Stolz. Unser Kader war sehr ausgeglichen besetzt. Das gab mir viel Zuversicht. Als wir es dann geschafft hatten, war ich glücklich und sehr stolz.

Der Aufstieg der 1. Herren 1994, ihre spätere Ausgliederung in eine GmbH, die Umbenennung in „MLP Academics Heidelberg“ 2012, der Bau des SNP domes und der Aufstieg in die 1. Bundesliga 2021 waren Meilensteine in der Entwicklung des USC bzw. der Academics. Die BasCats USC Heidelberg stiegen seit 2017 zweimal in die 1. Liga auf und zweimal wieder ab. Aktuell sind die Academics abstiegsbedroht, während sich die BasCats USC anschicken, unter verbesserten Rahmenbedingungen in die 1. DBBL zurückzukehren. Welche Stellschrauben siehst du, um den Spitzenbasketball in der Rhein-Neckar-Region dauerhaft zu etablieren?

Wir brauchen engagierte Menschen, die zu uns „passen“. Damit meine ich, dass sie die jeweiligen gemeinsamen Ziele kennen, akzeptieren und gemeinsame Verantwortung für das Erreichen übernehmen. Jeder bringt seine individuellen Stärken ein wie z. B. sportliches Know-how, Management-Kompetenzen, finanzielle Unterstützung oder auch soziale Kompetenzen.

Joachim „Jogi“ Klaehn war 1991 zum USC gestoßen und brachte als Erst- und Zweitligaspieler in Mannheim, Ulm, Leimen, Karlsruhe und Frankreich sehr viel Erfahrung mit. Der Sportjournalist bei der RNZ, später Leiter der Sportredaktion, war in der Aufstiegssaison als Mannschaftskapitän einer der Schlüsselspieler und kümmerte sich zudem auch damals schon um die Öffentlichkeitsarbeit. Mit dem Ende seiner Spielerkarriere verließ Klaehn 1995 den USC, um im Oktober 2022 nach mehr als 27 Jahren zu den Academics „zurückzukehren“. Seither ist der „Head of Communications“ der InnovationLab GmbH und mittlerweile freiberufliche Kommunikationsberater bei den Academics für den Bereich „Kommunikation und Medien“ zuständig.

Fragen an Joachim Klaehn

Jogi, du kamst 1991 vom damaligen Zweitligisten BG Karlsruhe zum Regionalligisten USC. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Ich hatte ja immer mal wieder Kontakt zum USC, auch unter Trainer Didi Keller, gehabt. Letztlich war es so, dass viele Spieler aus Heidelberg lange Zeit in Ludwigsburg, Ulm, Karlsruhe oder Speyer spielten. Wir kannten uns alle gut, hatten auch häufiger in der Heidelberger Unimannschaft gemeinsam agiert. Irgendwann hatte man keine Lust mehr, ständig für Trainings und Spiele weite Anreisen in Kauf nehmen zu müssen. Ich sollte mich zwischen Speyer (2. Bundesliga) und Heidelberg (Regionalliga) entscheiden. Dann hatte ich ein gutes, vertrauensvolles Gespräch mit Thomas Riedel – und habe eben auf mein Bauchgefühl gehört.

Ein Jahr später wurde die zuvor bereits starke Mannschaft noch weiter verstärkt, u. a. mit dem ehemaligen USC-Spieler und Ex-Nationalcenter Horst Wolf. Welchen Einfluss hattest du auf die Zusammenstellung der Mannschaft?

Willst Du eine ehrliche Antwort? (lacht) Die meisten aus dem Spielerpool standen wie erwähnt in Kontakt. Wir waren größtenteils sogar eng befreundet. Da entstand sukzessive die Idee, den USC als Mannschaft, Verein und Organisation wieder auf Zweit- oder gar Erstliga-Level zu hieven. Das Aufstiegsteam 1994 kannte nur ein Ziel und war gemeinsam mit dem Publikum zu einer verschworenen Einheit geworden. Thomas (Riedel/Red.), „Horscheck“ (Horst Wolf/Red.) und meine Wenigkeit sowie viele andere mehr, wir hängten uns rein. Es wurde zu einer Basketball-Mission!

In der Vorrunde der Regionalliga-Saison 93/94 gab es eine Heimniederlage gegen den Rivalen KuSG Leimen. Es sollte dann die einzige Niederlage in dieser Regionalliga-Runde bleiben, doch gab es danach etwas Unruhe im Team und dem Umfeld. Was ging seinerzeit im Team vor?

Habe ich vergessen und verdrängt. Hey, wir wollten unbedingt hoch, waren zweimal in der Relegation an einer starken Eintracht aus Frankfurt mit einem überragenden Importspieler gescheitert. Es sollte nicht mehr passieren. Das ist dann ganz normal im Mannschaftssport, dass es mal knirscht und kracht. Wichtig ist die schonungslose Analyse und stets der Blick nach vorne.

Wie ist deine Erinnerung an die Finalserie gegen Leimen, insbesondere an das entscheidende und buchstäblich heiße Spiel am 30.4.1994?

Es waren drei heiße Spiele – und dieser Showdown zwischen dem USC und Leimen war vorprogrammiert. Der „Tanz in den Mai“ fand in einem total überfüllten ISSW statt, das zur 1.500 Menschen fassenden Sauna umfunktioniert worden war. Die Erinnerungen als USC-Kapitän sind vielfältig – und sehr emotional. Ich weiß nicht mehr, wie viele Umarmungen es in der Halle gab. Ich weiß nur noch, dass ich diese Finalserie mit einem Muskelfaserriss in der Wade durchleiden musste. Dass ich auf „Horscheck“ zugesprungen bin und seine Jungs Enosch und Julius das beobachtet haben. Dass es eine rauschhafte Nacht wurde. Dass ich ganz großen Respekt vor der KuSG-Leistung hatte. Troy Russell und seine Teamkollegen waren großartige Sportsleute – deren Trainer Gerhard Heindel, leider bereits verstorben, hatte ebenfalls alles Erdenkliche für einen Zweitliga-Aufstieg investiert. Mit einigen der Leimener Jungs spiele ich seit vielen Jahren in diversen Ü-Teams bei nationalen wie internationalen Meisterschaften zusammen. Es ist eine große Basketball-Familie hier in der Metropolregion. Etwas ganz Besonderes …

Der Aufstieg der 1. Herren 1994, ihre spätere Ausgliederung in eine GmbH, die Umbenennung in „MLP Academics Heidelberg“ 2012, der Bau des SNP domes und der Aufstieg in die 1. Bundesliga 2021 waren Meilensteine in der Entwicklung des USC bzw. der Academics. Die BasCats USC Heidelberg stiegen seit 2017 zweimal in die 1. Liga auf und zweimal wieder ab. Aktuell sind die Academics abstiegsbedroht, während sich die BasCats USC anschicken, unter verbesserten Rahmenbedingungen in die 1. DBBL zurückzukehren. Welche Stellschrauben siehst du, um den Spitzenbasketball in der Rhein-Neckar-Region dauerhaft zu etablieren?

Das ist natürlich ein ganz weites Feld. Im Kern geht es darum, in einer Spitzensport-, Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsregion seinen Platz zu finden und zu festigen. Im Konzert von anderen etablierteren Größen mitzuspielen. Seinen eigenen Weg als Sportart zu beschreiten, professionellere Strukturen sukzessive und mit Bedacht aufzubauen und bei allem Tun und Handeln sich von Bodenständigkeit und intrinsischer Motivation leiten zu lassen. Daran glaube ich fest, dadurch erlangen Academics, BasCats sowie viele andere Konstrukte und Vereine aus der Region Glaubwürdigkeit und Akzeptanz. 2008 hatte ich die Basketball-Jugendförderinitiative B.ALL e.V. dank der Manfred-Lautenschläger-Stiftung als Ideengeber und Vorsitzender gegründet. Wir müssen hier alle Basketball als großes Ganzes unter einem Dach betrachten – und uns übergreifend auf strukturelle wie sportliche Ziele und Maßnahmen einigen. Und Türen im Weltmeister-Land für den Nachwuchs weit öffnen … anders geht es nicht!

Wie wichtig ist denn der Bereich der Kommunikation?

Man muss sich, ganz gleich auf welcher Ebene, stets einzuordnen wissen. Kommunikation ist ein wichtiges Instrumentarium, um über die diversen heutigen Medienkanäle Menschen informativ wie emotional zu erreichen. Gemeinsam mit der Academics-Geschäftsführung, dem Office und vielen Verantwortungsträgern sowie engagierten Mitstreitern würde ich gerne die Zukunft im Basketball kreativ und konstruktiv gestalten. Matthias (Lautenschläger/Red.), Thomas (Riedel/Red.) und Till (Riedel/Red.) sind letztendlich die Entscheider. Als Kommunikationsberater der Academics bin ich in diesem Bereich quasi Vorausdenker, „Gatekeeper“ und Korrektiv zugleich. Wohlgemerkt neben meiner aktuellen Tätigkeit als Kommunikationsleiter der Heidelberger InnovationLab GmbH. Die MLP Academics sind viel mehr als ein Basketball-Klub – die Gemengelage aus Zukunftspotenzial und Historie seit 1899 (!) ist einzigartig. Das treibt uns alle gemeinsam an. Es ist wie eine schöne, abenteuerliche Reise.

Peter Wittig